JS . THONET - A personal interpretation by Jil Sander

Interview mit Jil Sander

JS . THONET - A PERSONAL INTERPRETATION BY JIL SANDER

Man weiß von Ihnen, dass Sie sich seit jeher von Design und Architektur inspirieren lassen. Welche Interiordesigner:innen und Architekt:innen haben Sie besonders beeinflusst?
 

Mich interessiert das Zusammenspiel von Architektur und Interior Design, auch die Lichtregie. Hierfür war Tadao Andos Ibaraki Kasugaoka Kyokai Kirche ein Schlüsselerlebnis. Auch der amerikanische Architekt Jay Smith hat mich inspiriert; mit dem Architekten Michael Gabellini habe ich 14 Jahre lang gearbeitet und 80 Retail Spaces gestaltet. Mit Zaha Hadid hatte ich sondierende Gespräche, leider konnten wir nichts von unseren Ideen mehr verwirklichen. Für meine Interieurs haben mir auch Donald Judds Arbeiten und Eileen Gray produktive Anstöße gegeben.

Lässt sich deren Einfluss auch in Ihrer Mode wiedererkennen? Und wenn ja: wo?
 

Eigentlich nicht. Beim Modedesign hat mich mehr die Gegenwartskunst beeinflusst. Aber das Plastische, die Dreidimensionalität und der Blick auf Materialqualität sind auch im Modedesign zentral für mich.

JS . THONET - A personal interpretation by Jil Sander

„Inspiration ist was für Amateure“, heißt es vom Maler Chuck Close, „Der Rest von uns geht jeden Tag zur Arbeit." Hat er recht?


Da ist etwas dran. Ich gehe jeden Morgen in mein Atelier. Kreativität braucht Kontinuität und Gewohnheit, aber es geht nicht ohne eine Vision. Nehmen Sie eine Ballett-Aufführung: Wie viel Disziplin und Übung nötig sind, bis da eine Choreografie sitzt! Darüber hinaus braucht es natürlich eine Idee.

. KREATIVITÄT BRAUCHT KONTINUITÄT UND GEWOHNHEIT, ABER ES GEHT NICHT OHNE EINE VISION .
 

Stimmt das Klischee, dass zu tiefer Kreativität auch eine gewisse Dysfunktionalität gehört? Der Werber Jean-Remy von Matt beispielsweise sagt: „Ich bin überzeugt, dass der kreative Mensch grundsätzlich dysfunktional ist. Zeigen Sie mir einen ganz normalen Kreativen, und ich zeige Ihnen einen mittelmäßigen Kreativen.“


Da erkenne ich mich wieder. Ich stand erst spät im Leben vor der Aufgabe, mich in einem Supermarkt zurechtfinden und einen Geldautomaten meistern zu müssen. Ich war hilflos, weil ich für alltägliche Geschäfte früher keine Zeit hatte.

„Erst aus dem Überdruss über das Alte ergibt sich ein Sinn für das Neue“, haben Sie kürzlich gesagt. Wie darf man sich das vorstellen?


Man will nicht ewig dieselben Kleider im Schrank hin- und herdrehen, das ist meine Auffassung. Wenn ich herausfinde, was mir am Alten nicht mehr gefällt, bin ich schon auf dem Weg zum Neuen. Selbst geschätzte Dinge sind irgendwann allzu vertraut. Ich möchte sie erfrischen und mit Energie versorgen. Dabei hilft mir auch der technische Fortschritt. Das Ergebnis muss in die Gegenwart passen und begehrenswert sein.

Gleichzeitig gibt es Dinge, die jenseits aller Neugier bleiben und alle Trends und Moden überleben. Woran erkennt man aus Ihrer Sicht einen Designklassiker? Was macht ihn aus?


Man erkennt ihn daran, dass man seiner nicht leicht überdrüssig wird und ihn immer noch jemand erben möchte.

. EINEN KLASSIKER ERKENNT MAN DARAN, DASS MAN SEINER NICHT LEICHT ÜBERDRÜSSIG WIRD UND IHN IMMER NOCH JEMAND ERBEN MÖCHTE .
 

Welche Klassiker begleiten Sie schon Ihr Leben lang?


Der Thonet-Bugholzstuhl 209, der lange in meiner Küche stand. Die von uns entworfene Spiraltreppe für meine Flagship-Stores, die auch durch mein Atelierhaus führt und deren Nickelsilver-Metalllegierung mich auf die Idee für die Thonet-Stühle gebracht hat. Drittens arbeite ich, seit ich denken kann, mit dem Fine Pen 1511 und Bleistiften von Faber Castell, die immer superspitz sein müssen.

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Welche Werte verbanden, welche verbinden Sie mit der Marke Thonet?


Mich hat vor allem die sorgfältige Manufaktur-Fertigung beeindruckt und die generelle Herangehensweise, in der sich Tradition und Innovation zu überzeugenden neuen Klassikern verbinden. 

Wie würden Sie einem Blinden den Thonet S 64 beschreiben?


Ich würde ihn bitten, ihn zu ertasten. Blinde sind so sensibel, dass sie Qualität erfühlen.

Was hat Sie überzeugt, die Kooperation mit Thonet einzugehen?


Mich hat einerseits die Idee der Zeitlosigkeit gereizt – andererseits die Möglichkeiten, die auch in einem rund 100 Jahre alten Klassiker noch verborgen sind. Seine Konstruktion und Grundstruktur sind überzeugend und haben eine zeitgemäße Würdigung verdient. Es war eine schöne Herausforderung, im Geiste mit einem der wichtigsten Bauhaus-Designer zusammenzuarbeiten. Ich wollte den Stuhl im Sinne Breuers ins Jetzt holen.

. ICH WOLLTE DEN S 64 IM SINNE BREUERS INS JETZT HOLEN. SEINE KONSTRUKTION UND GRUNDSTRUKTUR SIND ÜBERZEUGEND UND HABEN EINE ZEITGEMÄßE WÜRDIGUNG VERDIENT .
 

Besitzen Sie eigentlich selbst einen von Marcel Breuers Freischwingern?


Nein, aber ihn bei Freunden, in Büros und immer wieder in Filmen gesehen. Seine starke Präsenz im kollektiven Bewusstsein hat mit der Wesentlichkeit seiner Aussage zu tun. In der Überarbeitung haben wir das Noble an ihm unterstützt und die qualitativ hochwertigen Elemente verstärkt, damit man ihn wieder wie zum ersten Mal wahrnimmt.

Lassen Sie uns teilhaben an Ihrem Kreativprozess: Wie sind die Gestaltungsentwürfe für Thonet entstanden?


Am Anfang stand die Bedingung, dass ich den Klassiker nicht in seiner Form verändern konnte. Also ging es um das Finden neuer Materialien. 
Dafür haben wir uns zuerst intensiv mit der Vergangenheit auseinandergesetzt und uns im Frankenberger Werk und den Archiven umgesehen. Dann haben wir mit interessanten Materialproben experimentiert. Ich kann mir die Dinge gut vorstellen, erfasse sie zunächst visuell und haben dann zielstrebig entschieden, dass wir die Metall-Chrom-Geschichte ändern. Die Nickelsilver-Legierung spielte schon in meinen Flagship-Stores eine wichtige Rolle, deshalb war ich mit ihrer Wirkung vertraut. Beim Leder wusste ich gleich, dass es matt sein sollte. Im Prozess haben wir alle Elemente immer wieder verändert und aufeinander abgestimmt. Die Farbnuancen von Lack und Metall zum Beispiel sind sehr subtil. 
 

JS . THONET - A personal interpretation by Jil Sander
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Entstanden sind zwei Gestaltungslinien, eine davon unter dem Arbeitstitel SERIOUS und in den Farbtönen Graphite Ruby Red, Graphite Green, Graphite Blue und Graphite Black.


Mit SERIOUS verbinde ich Konzentration und Fokussierung. Ich wollte, dass der Stuhl als Ikone überzeugt und seine Einzelheiten erst nach und nach ins Bewusstsein treten. Die Lederschattierungen sind zurückhaltend und doch bringen die vom vorherrschenden Graphitton gebrochenen Farben Bordeauxrot, Olive und Schwarz Emotionalität in den Stuhl. Auch die Rückenansicht haben wir optimiert. In einem Sitzungsumfeld kann der Stuhl so inspirierend wirken. Im Privatbereich hingegen schafft er Ruhe und lenkt nicht ab.

. ICH WOLLTE, DASS DER STUHL ALS IKONE ÜBERZEUGT UND SEINE EINZELHEITEN ERST NACH UND NACH INS BEWUSSTSEIN TRETEN .
 

Für die Gestaltungslinie NORDIC hingegen haben Sie mattes Nickelfinish mit Holzelementen kombiniert.


Bei NORDIC habe ich an die nordische, viel mit Holz arbeitende Designtradition, an das klare nördliche Licht und die Farben der Natur gedacht, etwa bei dem gebrushten Moos-Ton des Geflechts. Das nordische Design schöpft seine Sinnlichkeit ja aus natürlichen Materialien, dem habe ich mich genähert. Um den Effekt noch zu verstärken, habe ich bei der gekreideten helleren Holz- und Lederversion mit einem Nickelsilver-Finish gearbeitet.  

Welche Produkte, welche Marken, welche Architekturelemente haben Sie bei dieser Arbeit inspiriert?


Der Lack von Steinway-Flügeln, die Lederpolsterung eleganter englischer Autos und das matte Nickelsilver der Spiraltreppe in meinen Flagship-Stores.

Wie intensiv waren Sie nach dem Entwurf in die Realisierung der Stühle involviert?


Sehr intensiv. Es wurde bis zum Schluss an jedem Detail gefeilt.

Man sagt Ihnen einen gewissen Perfektionismus nach; legendär sind Ihre Worte „Noch nicht!“, wenn vor einer Modenschau etwas aus Ihrer Sicht noch nicht stimmig genug war. Galt das auch für die Genesis der Signature-Kollektion?


Na klar.

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Die Idee, zu Ihrer Signature-Kollektion auch noch passende Tische zu gestalten: Wie kam es dazu?


Als die Schwinger fertig waren, haben sie nach Ergänzungen gerufen. So entstanden die ineinander schiebbaren Beistelltische mit korrespondierenden Farben und Materialien.

Welchen anderen Möbelklassiker würden Sie gerne einmal veredeln?


Im Prinzip wäre für mich jeder Klassiker interessant.

Marcel Breuer entwarf den S 64 in seiner Berliner Zeit 1928. Sehen Sie – ästhetisch, kulturell oder gesellschaftlich – Parallelen zwischen den zwanziger Jahren des 20. und 21. Jahrhunderts?


Ja. Wir befinden uns wieder in einer Umbruchszeit, in der konservative und progressive Positionen hart aufeinandertreffen. Möglicherweise fördert gerade dieser Druck die Innovation. Die weltweiten Probleme sind groß, aber der Mensch ist erfindungsreich und immer an Lösungen interessiert. Ich vertraue deshalb darauf, dass wir die Gefahren in den Griff bekommen und die nötigen Änderungen ins Werk setzen.

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Breuer war Leiter der Möbelwerkstatt des Bauhauses. Was verbinden Sie persönlich mit dem Bauhaus, inwiefern hat es Ihre Arbeit und Ihre Ästhetik beeinflusst?  


Die Ästhetik des Bauhauses in der Architektur, in den Objekten, in der Grafik war in meiner Jugend sehr präsent und hat mich tief beeinflusst. Ich teile viele Ideen des Bauhauses: die Reduktion auf das Essenzielle, Aktualisierung der Klassik, Materialbewusstsein und -recherche, Funktionalität, serielle Qualität sowie die Suche nach neuer Schönheit. Dass diese Prinzipien vor allem in der Frauenmode kaum umgesetzt wurden, war anfangs eine starke Motivation für mich. Auch die Wechselbeziehung von Kunst und Design im Bauhaus ist meiner Vorgehensweise verwandt.

. DIE ÄSTHETIK DES BAUHAUSES IN DER ARCHITEKTUR, IN DEN OBJEKTEN, IN DER GRAFIK WAR IN MEINER JUGEND SEHR PRÄSENT UND HAT MICH TIEF BEEINFLUSST .
 

Qualität in Design, Material und Verarbeitung hat ihren Preis – ein Dilemma, an dem schon die Designer:innen des Bauhauses scheiterten. Muss man einfach akzeptieren, dass höchste Qualität einen gewissen Preis hat und damit nicht für jede und jeden erschwinglich ist?  


Qualität hat ihre Berechtigung und kommt den Menschen zugute. Nur, wer sie nicht kennenlernen durfte, verzichtet auf sie. 

. QUALITÄT KOMMT DEN MENSCHEN ZUGUTE. NUR, WER SIE NICHT KENNENLERNEN DURFTE, VERZICHTET AUF SIE .
 

Wer sie erfahren hat, weiß, dass es sich lohnt, für sie zu sparen. Qualitativ hochwertige Dinge erziehen uns zu weniger Konsum, denn man bleibt ihnen treu und möchte sie nicht austauschen.

. QUALITATIV HOCHWERTIGE DINGE ERZIEHEN UNS ZU WENIGER KONSUM, DENN MAN BLEIBT IHNEN TREU UND MÖCHTE SIE NICHT AUSTAUSCHEN .
 

„Wenn ein Entwurf gelungen ist, sieht es so aus, als hätte ich gar nichts gemacht“, heißt es von Ihnen. Das kann man von Ihrer Signature-Kollektion allerdings nicht sagen.

Ich suche ein Ergebnis, das selbstverständlich und nicht angestrengt wirkt. Die Signature-Kollektion wirkt, als hätten wir Breuers Freischwinger nur gründlich poliert. Man erkennt ihn trotz Überarbeitung sofort wieder. 

. DIE SIGNATURE-KOLLEKTION WIRKT, ALS HÄTTEN WIR BREUERS FREISCHWINGER NUR GRÜNDLICH POLIERT.  MAN ERKENNT IHN TROTZ ÜBERARBEITUNG SOFORT WIEDER .

 

 

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Es ist beileibe nicht Ihr erstes Design-/Interior Design-Projekt, Sie waren unter anderem an der Einrichtung Ihrer Flagship-Stores beteiligt. Was reizt Sie an Aufgaben wie diesen?  


Mich reizt, es richtig zu machen, damit ich mich in den Räumen und mit den Dingen wohlfühle.

Ist ein ästhetisch-kritischer Blick, wie Sie ihn haben, auch eine Bürde? Sie haben mal erzählt, Sie müssten sich bei Freunden zusammenreißen, nicht gedankenlos die Einrichtung zu verrücken.


Auf jeden Fall! Es fällt mir wirklich schwer, mich mit Verbesserungsvorschlägen zurückzuhalten.

Was wird Ihr nächstes Gestaltungsprojekt sein? Woran arbeiten Sie gerade?


Ich habe immer Träume und sondiere beständig Möglichkeiten. Das Denken bereitet dabei das Handeln vor, man lässt sich schon auf eine Sache ein, bevor man konkret an ihr arbeitet. Meine Entwürfe begleiten mich ja auch, wenn ich nicht im Atelier bin. In der Arbeit an den Dingen präzisieren sich meine Vorstellungen nur. Ohne eine Vision jedoch kommen ambitionierte Werke selten zustande. So gesehen, kann man Erfolg tatsächlich herbeidenken.

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